Dienstag, 20. Mai 2014

Anonymität, Aufmerksamkeit und ganz viel Platz für Meinung - Social Networks in a nutshell

Ein kleines Experiment:
Öffne deine Facebook-Freundesliste (von mir aus auch die Liste derer, die du auf G+ followst) und sieh dir davon 10 zufällige Personen an. Wie viele davon haben sowohl ihren richtigen und vollständigen Namen, als auch ein richtiges Foto von sich veröffentlicht? Ich glaube kaum, dass es alle 10 sein werden.

Die Möglichkeiten des WWWs sind quasi unbegrenzt. Man kann andere Identitäten annehmen und immer noch sein Recht auf freie Meinungsäußerung in vollem Maße nutzen.
Und gerade jetzt, vor der Europawahl, tun dies auch etliche der Facebook und Google+ Nutzer. Sie kommentieren Bilder von Parteien, Wahlsprüche, verschmierte Wahlplakate und erklären, warum sie gerade DIE richtige Partei wählen. Andere sagen, dass im Prinzip ALLES Mist ist. Und wieder andere erklären, dass sie GAR NICHT wählen gehen.
Und natürlich hat JEDER Recht. Ist ja das Internet.
Und genau so kam ich auch darauf, einen Blogeintrag darüber schreiben zu wollen.

Früher hatten meine Eltern unglaubliche Probleme damit, anderen Leuten zu sagen, wen sie wählen. Es ging halt einfach keinen was an. Doch heute gibt es kaum mehr Geheimnisse im Internet. Anonymität und eine gewisse Distanz zu allen anderen lassen die Leute lauter den je alles heraus plaudern.
"Ich stehe auf BDSM" - "Ich wähle die NPD" - "Ich habe nur den Hauptschulabschluss" - "Ich bin schwul" - all das sind Dinge, mit denen man auf der Straße kaum einen begrüßen würde, im Internet sind solche Offenbarungen gegenüber völlig Fremden hingegen Usus. Auch Manieren und Höflichkeit sind vernachlässigbar und werden in den meisten Fällen als unwichtig erachtet und dabei ist es meist egal, ob man unter seinen richtigen Namen schreibt, oder unter einem Pseudonym oder mit einem Comic als Profilbild.
Gestern Abend zum Beispiel hat ein großer Onlineshop im Rahmen eines Modelkontests das Bild eines Siegers veröffentlicht, wobei es sich bei dem um einen Rollstuhlfahrer handelt. Ich kann leider nicht mit einem Screenshot dienen, da der Kommentar bereits wieder entfernt wurde, jedoch postete jemand sinngemäß "Ich könnt mich ruhig dafür hassen, aber der Kerl hat nur gewonnen, weil er im Rollstuhl sitzt"
Der Kommentar ist kontrovers und er hat das ausgelöst, was sich der Verfasser wohl insgeheim erhofft hat: Einen Shitstorm. Und dabei sprang - surprise, surprise - ganz viel Aufmerksamkeit für eben jenen heraus.
Passend dazu:
In der letzten Staffel GNTM sagte eine umstrittene Kandidatin im Oton, ihr sei egal, ob die Leute gut oder schlecht über sie redeten, Hauptsache sie sei Gesprächsthema. Frei nach dem Motto, Negativpropaganda ist auch Propaganda.

Im Internet steht also für viele Auffallen im Vordergrund. Am besten um jeden Preis mit einer besonders individuellen und polarisierenden Meinung oder durch eine krasse Ausdrucksweise. Solche Leute gibt es natürlich überall und manche von ihnen ziehen diesen Wesenszug auch in Gesprächen von Angesicht zu Angesicht durch, doch natürlich fällt einem eine derartig extreme Meinungsäußerung im Internet wesentlich leichter. Die schlimmsten Konsequenzen, mit denen man zu rechnen hat, sind Löschung der eigenen Kommentare, Beleidigungen durch andere (oh wie schlimm, die kann man schließlich blockieren) oder eine Sperrung des Profils.

Dabei wäre imho ein Back2theRoots in Sachen Kommunikation und Verhaltensweisen - nämlich Anstand und ein Mindestmaß an Diskretion - wesentlich sinnvoller, auch für solche mit Fake-Namen und Meme-Profilbildern (und das sagt eine, die mit Nachnamen garantiert nicht "Snow" heißt).
Immerhin bietet das Internet über Social Networks wahnsinns Möglichkeiten, um sich ernsthaft über einfach alles auszutauschen und etwas über andere Meinungen zu erfahren. Man kann Anteilnahme bekunden (siehe die Hashtag-Aktion vom Item Shop) und so viele Dinge ansprechen - und doch muss man immer mit Trollen rechnen und Leuten, die grundlos beleidigend werden, was dem ganzen einen bitteren Beigeschmack verleiht.
Nur weil man das Internet betritt, braucht man seine Manieren nicht abzustreifen und zu vergessen. Es würde dem ein oder anderen sogar ganz gut tun, sich ein wenig an seine Kinderstube zu erinnern und einfach mal das, was man sagen will, zu überdenken.

Kommentare:

  1. http://xkcd.com/481/ könnte helfen ;-)

    Anonymität kann leider sowohl für gutes als auch schlechtes verwendet werden. Wie du beschrieben hast, wird es verwendet um Dinge zu schreiben, die lieber nicht veröffentlich werden sollen, aber es wird genauso verwendet um Dinge zu veröffentlichen die auf keinen Fall geheim bleiben sollten. (z.b. Wikileaks etc wäre ohne Anonymität nie entstanden.) Wenn ersteres der Preis für letzteres ist, ist es IMHO auch wert diesen Preis zu zahlen. Nichtsdesto trotz wäre er es echt super, wenn man etwas machen könnte das die Leute online anständiger mit einander umgehen.

    Erschreckend finde ich auch wie schnell Personen sich zu fiesen Kommentaren hinreisen lassen, wenn sie anonym sind. Erst letztens hatten wir den Fall, dass eine Kollegin von Studenten bei einer anonymen Umfrage Kommentare bekommen hat, die man einer Frau niemals ins Gesicht sagen würde. Sofern man nicht auf Ohrfeigen steht jedenfalls. Wie mir erzählt wurde ist dies sogar nicht mal eine Ausnahme sondern es ist die Regel das so etwas bei einer Umfrage passiert.. Von vermeintlich eher intelligenten Studenten hätte ich echt mehr erwartet.

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